COLUMN

my column at hopehope “the curiosity of fashion” – usually every wednesday

cozy
8 of february

Es muss irgendwann in den letzten zwei Jahren passiert sein. Plötzlich hatte ich keine Lust mehr im Winter zu frieren und mir die Füsse vom Pflotsch nass werden zu lassen. Ich habe mir eine dicke, unvorteilhafte Jacke und warme Schuhe zugelegt. Ich besitze einen leucht-blauen Daunentraum, der als warmes Zelt und Schlafsack gleichermassen geeignet ist. Die Jacke stammt aus der Männerabteilung und ist mir eigentlich viel zu gross.

Daunenjacken sind ohnehin ein Thema für sich. Meiner Meinung nach müssen sie gross und unvorteilhaft sein. Lieber richtig „reinschiessen“ und ein leuchtendes, übergrosses Modell kaufen, als scheinbar vorteilhafte Modelle, die jede noch so zierliche Figur dick aussehen lassen. Dasselbe Credo gilt für meine Winterschuhe. Warm und bequem müssen sie sein… klobig sind sie ohnehin.

Um chic durch die Strassen zu wandeln, gäbe es bessere Alternativen, doch sowohl meine klobigen Schuhe, als auch meine nicht gerade weibliche Jacke erfüllen ihren Zweck. Was ist passiert, dass mir jegliche Eleganz zu Gunsten der Wärme abhanden gekommen ist?

Ich habe zu oft geschlottert, als dass für ein bisschen Stil ich bis auf die Knochen frieren will. Oder bin ich doch nur ein Opfer der Modeindustrie? Sportswear und Frauen in Männerkleider bewegen sich diesen Winter am Puls der Zeit. Und ist es nicht gerade en vogue mit viel zu grosse Jacken aufzutreten?


 

children’s zoo
1 of february

Nachdem die Modeindustrie die Männer verweiblicht hat (siehe Kolumne vom 28. September) und sie in Netzstrümpfen und in Röcken über die Laufstege schickte, wird der Mann im Winter 2012 zum Kinde. Er trägt Strickpullover mit niedlichen Tierchen drauf. Bei Burberry Prorsum waren es Eulen und Füchse, die Hemden und Pullover schmücken, bei Jil Sander Dinosaurier und Wale und bei Etro umhüllt sich der moderne Mann mit einem Cape mit Adleraufdruck und schmückt sein Haupt mit Federhut.

Von Softie bis Draufgänger, jeder Mann findet in Zukunft sein Lieblingstier zum tragen. Die Kleiderstücke fungieren als Art Talisman, der die Männer stärkt und durch den Tag trägt.

Und was bedeutet das für uns Frauen? Wir werden bald einen ganzen Streichelzoo um uns haben. Denn die Männer werden mit ihren Kleidern ein bisschen zu Tieren. Da haben wir ja frohe Aussichten … und alle zusammen haben wir es lustig in der Kinderwelt, egal was passiert. Egal ob nun die Welt Ende Jahr untergeht und lebensbedrohliche Naturkatastrophen uns alle eliminieren. Wir erfreuen uns an den Tierchen auf den Pullovern und bedanken uns einmal mehr bei der Modeindustrie für das bisschen Unbeschwertheit.


houses
25 of January

Ich bin eine Geschichten-Ausdenkerin. Sehe ich zwei Leute an der Bushaltestelle zusammen diskutieren, schnapp ich ein Wort auf und spinne eine Geschichte um die Wörter. Beziehungsdramen, Gefängnisbesuche, Polizeikontrollen oder unverhoffte Schwangerschaften können darin schon mal eine Rolle spielen. Dasselbe mache ich mit Häusern. Manchmal erhasche ich sogar einen Blick ins Wohnzimmer und mal mir aus, wer da ein und aus geht und was für Dramen sich darin abspielen. Auf meinem letzten Spaziergang hörten die Geschichten in meinem Kopf gar nicht mehr auf. Zwar nur von Aussen betrachtet, glaube ich aber trotzdem zu wissen, wer in welchem Haus wohnt und wie die Garderobe der Bewohner aussieht. Hier drei Beispiele.

Plattenbau Grossstadvilla Neue Architektur
Beruf Verkäufer/in, Arztgehilf/in Ehefrau, CEO, Bankdirektor/in Architekt/in, Zeichnungslehrer/in
Beziehungs-status Single Verheiratet, Erwachsene Kinder Verheiratet, zwei Kinder
Lieblings- 

kleidungsstück

Pinke Plüschtrainer- 

hose mit Strasssteinen,

weisse Jeans, schwarze Lederjacke – keine Labels

Wintermantel von Jil Sander, 

Anzug von Brioni

Gürtel von Ida Gut mit Taschen daran, Handstulpen, 

Pulli Dries van Noten

Lieblings-accessoire Plateau-Schuhe à la Lady Gaga von Tally Weijl, 

Wollmütze von D&G

Tasche Birkin Bag von Hermès, 

Hut von Borsalino

Stiefeletten von Stefi Talman, Tasche von Freitag, Metallrahmenbrille von Mykita
Vorherrschende Farben Rosatöne, schwarz, weiss, silber Erdtöne, von weiss bis dunkelbraun und Mischfarben  mit grau Schwarz mit kontrastreichen Farbtupfer wie rot-grün, türkis-orange
Stilvorbild Daniela Katzenberger, 

Xherdan Shaqiri

Carla Bruni, 

Philippe Gaydoul

Pipilotti Rist, 

Alfredo Häberli

Ihr Ausgangsoutfit Enges Schlauchkleid, Kreolenohrringe Das kleine Schwarze,  Strümpfe von Fogal, Pumps Kleid von Custo Barcelona, farbige Schnürschuhe
Letzter Fehlkauf Unterhose mit Playboyhasen-Symbol Keilhosen, 

Lila Hemd

Klassische weisse Bluse, Cowboystiefel 

 

 

no age for fashion
18 of January

Miniröcke gehören der Jugend und lange Kamelhaarmäntel den Damen ab vierzig. So denken nicht besonders stilaffine Personen. Denn blickt man aufmerksam auf die Strasse ist zu sehen, dass sich die gewohnten Konventionen gerade durchmischen.

Frauen, die Mütter sein könnten, tragen die Kleider ihrer potentiellen Töchter und die Töchter bedienen sich im Kleiderschrank der Mütter. Miniröcken an Ü50 und 7/8 Hosen mit Bundfalten an 15-jährigen ist Modealltag geworden. Die Jungen möchten erwachsen sein und die Erwachsenen manchmal wieder Kinder.

In einigen Fällen mag das Phänomen wunderbares hervor bringen. Es hat seinen Reiz, wenn sich junge Mädchen im Kleiderschrank der Grossmutter bedienen. Die Mode bekommt dann etwas irritierendes, das aufregend ist. Auch finde ich grauhaarige Damen mit viel Schmuck in Cocktailkleidern ganz bezaubernd, schon meine Grossmutter sagte: „Alte Häuser muss man schmücken“. Natürlich gib es Grenzen. Ich stelle mir gerade strasssteinbesetze T-Shirts in wilder Musterung vor. Doch das hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit Geschmack. Und Geschmack kennt eben kein Alter. Seien wir froh, 2012 das Gefängnis der Kleiderkonventionen endgültig durchbrochen zu haben.


grung meets glamour
11 of January

Ich fühle mich 90er, Grunge ist, worauf ich gerade Lust habe. Ich schaue mir Reportagen vom traurigen Kurt Cobain an und wundere mich wie schön Courtney einst war. Auch wenn ich den 90er-Look bereits zur Schulzeit ausgelebt habe, mag ich ihn noch immer. Er ist verlaust, etwas schmuddelig und zottlig. All das, wofür die Mode im Idealfall nicht stehen sollte. Normalerweise vermittelt sie uns das Gefühl von Schönheit. Doch Mode hilft uns eben auch Sehnsüchte auszuleben. Und gerade ist die meinige, verlaust und zottlig hinter meinem Schreibtisch zu sitzen – in Gedanken versunken.

Nur eines, darauf verzichte ich nicht. So ganz ohne Glamour geht es dann doch nicht. Trotz Sehnsüchten verschwindet meine Leidenschaft für das Schöne nicht. Es sind die glanzvollen Ketten, die mein Wohlbefinden vervollständigen. Sie sehen aus, als kosteten sie Millionen. Doch im Untergrund findet man sie zu erschwinglichen Preisen. Sie stillen eine weitere Sehnsucht in mir, die nach fremden Ländern, würzigen Düften und farbigen Tüchern. Für diese Woche mag ich verzottelt sein, aber mit einem Geheimnis von Glanz um den Hals.


agglo chic
4 of January

Ich bin in der Agglomeration aufgewachsen – ja, ziemlich uncool. Doch die Agglo bietet so einiges, beispielsweise die Fasnacht, das Dorffest oder die Chilbi, auf der man sich jährlich trifft und Zuckerwatte isst. Die Agglomeration lässt auch Platz für eigene Trends und Vorstellungen, was „en vogue“ sein könnte. Die Prägung durch die grosse Masse ist in der Agglo geringer. Die Städter denken sich, die Leute vom Land seien immer einen Schritt hinter her. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Als ich vor ein paar Wochen ins Taxi steigen wollte, traf ich zwei Kollegen aus meinem ehemaligen Dorf. Wir hatten dasselbe Gefährt als Nachhausebringer ausgewählt und beschlossen deshalb kurzerhand gemeinsam einzusteigen. Auch das machen nur Leute, die jedes Wochenende eine Taxifahrt für mindestens 60 Franken zu bezahlen haben. Das Dorfleben fördert die Solidarität, deshalb bildeten wir Zweckgemeinschaften. Gemeinsam im Taxi beschlossen wir einen Zwischenstopp in einer Bar zu machen.

Die beiden sind ein paar Jahre jünger als ich und früher galt: jünger beachtet man nicht. Heute muss man hinsehen, denn sie sind zwei echte Modepropagandisten geworden. Sie tragen die Haare lang, der eine als Knoten im Nacken, der andere offen. Ihr Stil: modische Rocker mit einem Hauch Jack Sparrow. Vor zwei Jahren noch war das ihre Verkleidung an der Fasnacht. Heute ziehen sie diesen Stil so konsequent durch, wie es sich kein Urbanist trauen würde. Ihre Lieblingsmarke ist Allsaints, die sich durch feine Farben und Stoffe auszeichnet. Die Kollektion erscheint im Used-Look, mit fliessenden Stoffen und weiten Ausschnitten. Auch Lederarmbänder und Schmuck stehen bei ihnen hoch im Kurs.

Und die Agglo-Rocker-Piraten sind cool, weil sie anders sind als die Hippster aus dem Kreis 5. Ich mag die langen rebellischen Haare und die Brustmuskulatur, die unter dem Shirt hervorblitzt. Alles etwas zu viel und etwas überkandidelt: das macht die Freiheit der Agglomeration!

 

invisible
21 of December

Es kommt der Weihnachtsabend und mit ihm leeren sich die Strassen der Stadt. In den Kaffees sind unzählige Sitzplätze frei, und die Ferienwohnungen in den Bergen sind alle besetzt. Man kehrt in die warme Stube seiner Familie zurück und isst das traditionelle Weihnachtsessen. Es wird gestritten wie früher und man hat sich lieb, wie früher.

Das urbane Leben mit all dem Lärm reduziert sich jetzt auf ein Minimum. Mit der «Menschenleere» kommt auch die Rückkehr zu sich selbst. Man wird ganz still, und die Stille weckt in mir das Verlangen, für einmal unsichtbar zu sein.

Ich tauche dann mal ab, und dazu habe ich den perfekten Look. Ich mache es wie die Nomaden in der Sahara, wickle mir dicke Wolltücher um den Kopf trage lange Mäntel und Hüte, die mich vor dem Unwetter und der Welt schützen. Diese Rüstung lässt mich verschwinden, und zugleich fühle ich mich darin geborgen wie im Elternhaus und unsichtbar wie im Zaubermärchen.

Wir sehen uns dann 2012 wieder – wenn ich wieder auftauche. Ich bin dann mal weg.

 

new arab style
14 of December

Fernab unserer Breitengrade hängen in den Schränken der Männer lange, weisse Gewänder. Der Schnitt ähnelt den Nachthemden meiner Grossmutter. Die Rede ist von der Dishdasha, die hauptsächlich in der arabischen Welt getragen wird. Das weisse Gewand reicht bis auf den staubigen Sandboden, hat lange Ärmel und lässt die Männer elegant durch die Wüste wandeln. Männer mit mystischen Augen und gebräunter Haut werden so zu interessanten Fabelwesen, deren Postur unter dem weissen Stoff nur erahnt werden kann.

Die jüngere Generation trägt gerne auch, was der Westen trägt. Die USA, fette Autos, 2Pac und 50 Cent sind ihre Vorbilder. Zumindest die Vorbilder einer bestimmten Subkultur, der ich vor einem Jahr das erste Mal in Sharm El-Sheikh begegnet bin. Das widerspiegelt sich auch in der Kleidung der jungen Männer. Es gilt: East meets West. Über der Dishdasha werden dicke Bling-Ketten getragen, Dollarzeichen mit Strasssteinen hängen an Goldketten und die traditionelle Kufiya, besser bekannt als Arafat-Tuch, wird zu einem Turban gebunden, statt offen über dem Nacken getragen. Baseball-Caps und Nike Air Max passen ebenfalls zum Street-Style der Sharm El-Sheikh-Jugend.

Globalisierungs-Gegner mögen sich über den Stilmix ärgern, denn wieder beeinflusst der starke Westen den Osten und verdrängt Lokales. Ich aber sehe darin etwas Positives: Tradition trifft auf die Nachahmung der westlichen Helden und beides findet gleichermassen Ausdruck in der Bekleidung. Es entsteht eine neue Kleidungsform aus dem Kulturen-Mix. Und das ist Balsam für meine Augen, die gerade tagein tagaus die immer selben grauen Mäntel auf der Strasse sehen.


intellectual glasses
7 of December

Ich spazierte im Rieterpark, als zwei Gestalten mit runden, schwarzen Brillen meinen Weg kreuzten. Die Brillenmodelle waren dieselben, welche die Schweizer Modedesignerin Christa de Carouge seit Jahrzehnten trägt. Bestimmt haben die Gestalten eben im Museum die Ausstellung „Mystik – die Sehnsucht nach dem Absoluten“ besucht.

Es soll hier nicht um die Ausstellung, sondern um die Brillen gehen. Sie sind ein starkes Statement. Wer sie trägt ist Schriftsteller, Philosoph, intellektueller Modedesigner oder einer, der gerne eines der drei Dinge sein möchte.

Die Brille verrät noch mehr über ihre Träger. Sie sagt: „ich denke mehr übers Leben nach, als andere und fülle scheinbar Sinnloses mit wertvollen Inhalten.“ Die runde, schwarze Brille ist das Zeichen der Intellektuellen.

Sie hat gute Chancen die Nerd-Brille abzulösen. Die Brille mit dem dicken, eckigen, übergrossen Rahmen wurde zunächst von Architekten und Grafikern getragen, dann von Fashionistas. Sie stand für verführerische Hässlichkeit und attraktive Biederkeit. Frauen und Männer, die diese Brille trugen, gaben der Welt zu verstehen: „hey ich kann es mir leisten mein Gesicht zu verwüsten“. Heute, fast drei Jahre nach dem Trend wirken die Brillen oft nur noch lächerlich. Denn alle tragen sie, die Verkäuferin, die Sekretärin, der Banker und die Möchte-Gern-Fashionistas.

Die Mode ist manchmal sehr einfach gestrickt. Man kauft sich ein Accessoire mit Statement und ist plötzlich, was man immer sein wollte. Zu hoffen bleibt, dass die runde Intellektuellen-Brille mit Inhalt gefüllt bleibt. Es wäre zu schade Christa de Carouge’s Markenzeichen in lächerlichem Licht zu sehen.

 

sexyness
30 of Novermber

Nachts um zwei, ich sitze im Taxi und fahre durch die Innenstadt, am vierten Akt vorbei; an Nachtclubs und Flirtecken. Die jungen Frauen tragen eng anliegende Kleider, die jede noch so kleine Delle zum Vorschein bringen. Die Schlauchkleider sind kurz und fallen knapp über die mehr oder weniger wohlgeformten Pobacken. Je enger, je kürzer, desto heisser, denken sich die Mädels.

Nachts um zwei, ich sitze auf dem Fahrrad und fahre an einer Vernissage im Kreis fünf vorbei. Während einem Stopp begrüsse ich Bekannte. Die Frauen sind in dicke Wollpullover gewickelt, die jegliche weibliche Kurve verschwinden lassen. Sie sind mit Tiermotiven oder Dreiecksmustern aus den 80er Jahren bestickt. Je weiter, je gammliger, desto cooler, denken sich diese Frauen. Sie haben es nicht nötig sexy zu sein.

„Sexy“ zu sein durch Kleidung ist ein schwieriges Unterfangen. Es spielt keine Rolle, was man trägt, sondern wie. Es ist die Haltung mit der, der alte Wollpullover oder das anliegende Schlauchkleid getragen wird. Mit genügend Überzeugungskraft wirkt der Gammelpulli wie ein seidenes Nachthemd von Agent Provocateur und das Schlauchkleid glättet jede Delle bis zur perfekten Silhouette. Unterm Strich ist es das Selbstbewusstsein, das sexy macht und in vernünftigem Mass kann keine Frau genug davon besitzen.


Dots
23 of November

Gepunktet ist meine Welt. Wo ich hinschaue sind es nicht mehr die Streifen, welche Damen und Herren seit unzähligen von Saisons in ihrem Schrank hängen haben und zum allsommerlichen Marine-Trend hervor genommen werden. Die Streifen, die für Geradlinigkeit und Seriosität stehen, werden von den lebendigen Punkten, die Offenheit und Verstreutheit propagieren, abgelöst.
Punkte erinnern mich an die Welten aus Kristian Schuller’s Buch „90 days – one dream“, an Luftballons, Kindergeburtstage und Clowns. Auch wenn die Clowns über ihre grossen Füsse stolpern, die Luftballons von den Kindern aus Versehen los gelassen werden und sich im eisigen Winterhimmel verlieren. Und auch wenn, zu guter Letzt, sich die kleinen Gäste an den Kinder-Geburtstagen die farbigen Smarties gegenseitig weg essen- die Stimmung bleibt heiter! Kein Missgeschick und keine rücksichtlose Tat kann die Fröhlichkeit trüben. Punkte stehen für eine unbeschwerte, federleichte Zeit, in der meine einzige Sorge war, ob es Schoggi oder Äpfel zum Zvieri gibt.
Besonders in den Unfarben schwarz und weiss haben die Punkte das Potential unzählige von Saisons in den Schränken zu hängen und alljährlich zum Happy-Times-Trend wieder hervorgezaubert zu werden.


swiss fashion “Drama”
16 of November

„Mode kann wie ein gutes Theater sein“, sagte die Chefin der deutschen Vogue, Christiane Arp, letzten Freitag an den Vögele Fashion Days. Mode soll unterhalten und uns in neue Welten eintauchen lassen. Sie kann uns farbig wie ein Vogel aus der Karibik, oder schwarz wie die Nacht machen. Ohnehin „spielen wir alle nur Theater“, wie es der Soziologe Erving Goffman treffend formulierte.

Die Vorstellung am Freitagabend an den Vögele Fashion Days wollte im grauen Block des Puls 5 nicht so richtig anlaufen. Das Ambiente fehlte, die Liebe zum Detail konnte im Sumpf des Betons nicht vermittelt werden. Schade eigentlich, könnte uns allen doch ein bisschen Theater nicht schaden.

Glücklicherweise kam ich doch noch zu meinem Schauspiel. Am Samstagabend fand die „Kostume“ statt. Eine Modeshow organisiert von jungen Kreativen, die noch unbekannten Modetalenten eine Plattform bieten möchten. Eine einfache Badmintonhalle in gedämmtem Licht wurde zum Ort des Showdowns. Ich nippte an meinem Weisswein, als sich mein Blickwinkel mit Männern mit Vollbart und Frauen in hohen Schuhen, die ihre Beine lange und graziös aussehen liessen, füllte. Gerne hätte ich den noch Unbekannten unter ihnen auf die Schulter getippt und gefragt, wer sie sind, was sie machen, von wo sie kommen.

Kurz vor Show-Beginn öffnete sich der Vorhang und die Besucher stürmten auf die Plätze neben dem Laufsteg. Hungrig auf die Mode rannten sie den Klappstühlen entgegen! Und genau so, sollte es eigentlich sein.

Was meine Augen zu sehen bekamen, war komödiantisch, dramatisch, von leichter- bis schwermütiger Unterhaltung, das Spiel beinhaltete alles, was ein gutes Theater ausmacht. Auch wenn ich einige Akte daraus nicht ganz verstand, die jungen Designer trauten sich wilde Prints zu verwenden, wundervolle Blumenblüten-Leder-Accessoires herzustellen und neue Formen zu kreieren. Sie hatten den Mut über die H&M-Zara-Ästhetik hinaus zu gehen, neue Wege einzuschlagen -  Drama zu schreiben. „Das ist Mode“, dachte ich und begab mich beruhigt hinter die Bühne.


 

about consistency in fashion
2 of November

Milano Centrale. Die Roben rascheln, die Männeranzüge kneifen, alles très chic, très italien – und mittendrin ganz unscheinbar und deutsch, ein älterer Herr mit langem Zopf. Der Herr mit Zopf hat einen unkonventionellen Blick auf die Mode und ihre Machenschaften, so gar nicht den Blick, den wir von Zeitschriften wie Marie Claire und Co. kennen, der mich längst langweilt. Und deswegen hat der Zopf mich interessiert. Wir trafen uns dank Campari, dem roten Drink. Gemeinsam sassen wir am Roundtable mit Milla Jovovich, und gemeinsam wunderten wir uns über die anderen Schreiber am Tisch. Der Zopf gründete vor ein paar Monaten mit einem Kollegen das Online Magazin „Tartuffel“, das sich mit Gastrosophie beschäftigt. Sein Alltag ist dem Virtuellen verschrieben, alles ist durch Null und Eins kodiert, physisch unantastbar.

Wir befanden uns in der Eingangshalle des Designhotels, bevor die grosse Campari Party los ging und betrachteten die edlen Roben mit „a touch of red“, wie der Dresscode für den Abend lautete. Da sagte er: „Herrlich diese Mode“ und meinte damit das physisch Greifbare, die Vergänglichkeit der Kleider, deren Stoffe mit den Jahren verbleichen. „Die Kleider sind etwas Handfestes neben dem „virtuellen Getöse, das uns alle täglich umgibt“, sagte der Zopf. Es gibt Kleidungsstücke, an denen wir Begegnungen, Reisen und Geschichten fest machen. Der alte Cashmere-Schal der Grossmutter beispielsweise hat weit mehr Bedeutung, als nur ein flauschiger Begleiter zu sein. Er beinhaltet viele Geschichten: die der Grossmutter, der Vererbung, der glücklichen und enttäuschenden Begegnungen, die man machte, als man ihn um den Hals trug. Und das ist etwas Weiteres, dass die Mode so einmalig macht, egal welche Farbe diese Saison zum neuen Schwarz erkoren wird. Es sind die erlebten Geschichten, die durch den Stoff greifbar, konkret und unvergessen werden.


 

about sweatpants
26 of October

Es war Jubiläumsfeier meiner alten Mittelschule, dort traf ich Hans, einen alten Sitznachbarn. Wir konnten uns damals nicht besonders leiden. Für meine Ohren war er immer ein paar Dezibel zu laut, wobei ich zugeben muss, dass auch ich nicht zu den Leisesten gehörte. Auf alle Fälle hat sich Hans total verändert, heute sieht er aus wie ein Don Juan und nicht mehr wie Hansli der kindlich auf den Marmorböden den Gang herunter hüpfte. Don Juan ist Performer und Schauspieler und heiss. Bei unserem Wiedersehen plauderten wir über längst vergangene Tage und beobachteten unsere ehemaligen Mitschüler. Noch immer teilt sich die Schülerschaft in zwei Gruppen – cool und uncool. Und natürlich will auch heute noch jeder zu den Coolen gehören.

Bei Kaffee und Kuchen in der Mensa sagte Don Juan ohne sich zu verschlucken: “Ich war einfach nie cool.“ Und er hatte Recht. Cool waren diejenigen Jungs, deren Augen immer etwas verschlafen waren, deren Gang aufrecht und selbstsicher war und deren Kleider unordentlich übereinander getragen wurden. Sie besuchten den Unterricht wann sie wollten, wurden sie erwischt, hatten sie immer eine lässige Ausrede bereit. Ihr wichtigstes Erkennungszeichen war und ist die Trainerhose. Ja, sie waren so cool, dass sie sich nicht einmal ordentlich anzuziehen brauchten, wie es Don Juan treffend formulierte.

Was Don Juan betrifft, er kann es sich heute leisten, im Korridor der Schauspielschule seine Beine nur in Trikot zu hüllen. Offensichtlich steht er heute auf der anderen Seite er Schülerschaft. Die Trainerhose und ihre Aussage ist am genau gleichen Ort stehen geblieben: sie ist das Zeichen für Nonchalance und jugendliche Unbekümmertheit.


today about pink hearts and masquerade
19 of October

Es kommt eine verdammt graue Zeit auf uns zu. Die Ohrläppchen werden kalt, die Fingerkuppen blau, und die Beine stecken wir in dicke Wollstrümpfe. Blicke ich heute aus dem Fenster, schmücken noch ein paar bunte Blätter die Bäume, aber auch die liegen bald am Boden, werden grau und verschwinden irgendwann. Grau wird im schlimmsten Fall auch das Herz, das sich vom dicken Nebel und schnupfigen Mitmenschen verdunkeln lässt – manch einer mag sich wünschen irgendwo ganz anders, irgendjemand ganz anderes zu sein. Nichts leichter als das – einmal mehr hilft uns die Mode dabei. Eins, zwei, simsalabims können wir uns für einen Abend verwandeln. Darf es Marilyn Monroe, Super Mario oder vielleicht ein Doughnut sein? Ja ein Doughnut, so rund und weich und süss und sein Herz pumpt in rosarot. In San Francisco beispielsweise gehört das Verkleiden zum Alltag. Ich besuchte dort vor Jahren die Bootie Party im DNA Lounge Club und staunte nicht schlecht, als sich im schwarz-gelben Biene-Maja-Overall Mr. Doughnut präsentierte. Über dem Overall trug er einen überdimensionalen Ring, welcher die Süssware darstellte, tänzelte und sang und schien so frei zu sein. Aber nicht nur die Sänger und Performer auf der Bühne sind in der Nacht in San Francisco jemand ganz anderes, als sie es auf der Strasse sind. Frauen werden zu Matrosinnen und Piratinnen und Super Mario und Luigi schwangen das Tanzbein neben mir im Club. Die Menschen in der Stadt der freien Liebe wissen, wie ihr Herz rosarot bleibt und machen sich dabei höchstens Gedanken darüber, ob sie ein Doughnut mit oder ohne Zuckerguss sein möchten. Und wenn hier die graue Welle kommt, nehme ich mir genau das vor: damit mein Herz schön rosa bleibt.


every day is a glamour day… go for it
12th of October

Seit der Erfindung von Tanzlokalen gibt es das Phänomen des Ausgeh-Shirts. Wobei das Ausgeh-Shirt wahlweise auch durch Ausgeh-Kleid, Ausgeh-Tasche oder Ausgeh-Schuhe ersetzt werden kann. Die Ausgeh-Sachen kommen ans Licht, wenn die Strassenlampen angehen und die Musik aus schummrigen Lokalen dröhnt. Die Woche geht zu Ende, und die grauen Büromäuse verwandeln sich in Strassendiven und Discoqueens – denn einmal in der Woche wenigstens wollen sie auffallen. Sie kauften sich dafür ein schulterfreies Shirt mit Paillettenkranz um die Brustpartie, schminken sich smokey eyes und montieren ihre Lack-Pumps. Es ist nett, wie sie sich zurecht machen und so erwartbar, denn „für den Ausgang soll es etwas Spezielles sein“, sagt der Volksmund. Aber warum eigentlich? Sollten wir uns nicht immer wie im Studio 54 fühlen? Ich finde, jeder Tag soll ein Ausgeh-Tag sein! Lasst uns die Haare locken, die Nägel manicuren und den Schrank bis zum Platzen mit funkelnden Ausgeh-Sachen füllen. Ich finde „Everyday is a glamour day!“ und trage von nun an ins Hagenholz mein goldig schimmerndes Vintagekleid und sonntagmorgens einen Seidenkimono! Für mich leuchten die Strassenlampen 24 Stunden, und in meinen Venen pumpt der Bass.


 

men’s haircut… a funny story!
5th of October

Zeig mir deinen Haarschitt und ich sage dir wer du bist. Die vier häufigsten Männerfrisuren hierzulande stehen feinsäuberlich typologisiert für euch bereit. Ich verrate euch woran man einen echten Kerl erkennt und wer über Nacht Lockenwickler in den Fransen trägt!

Kahlkopf Langhaardackel Szenehase Saubermann
Der Schnitt Millimeterschnitt, die Haare sind auf dem ganzen Kopf gleich lang Langes, meist gewelltes Haar. Alle Haare sind gleich lang, bis mindestens über die Schulter getragen Auf den Seiten bis zu den Schläfen ganz kurz, (Millimeterschnitt), auf dem Kopf lange Matte, ca. 15 bis 20 cm. Wird nach belieben nach hinten (siehe Rockabilly) getragen Auf der Seite etwas kürzer, nach oben hin etwas länger, der Bestseller unter den Haarschnitten
Das Schnittvorbild Mike Tyson, Stress, Jay-Z Russel Brand, Johnny Depp, Chris von Rohr Jay Kahn, Marc Eggers, Londoner Szene Boys Toni Brunner,George Clooney, Röbi Koller
Die Haar-Philosophie Ich trage meine Haare so kurz, weil ich ein echter Kerl bin, nicht weil sie immer weniger werden Meine Haare verleihen mir das Gefühl von Freiheit So tragen die Jungs in den Modemetropolen doch auch ihre Haare, oder? Praktisch, sauber und gepflegt muss es sein
Das Lebensprinzip Sport treiben, fit bleiben, gesunde Essen, seinen Mann stehen Liebe die Natur, sich selbst und alles musische Party, Sex, Shopping und Fashion Arbeite, damit du dir dein Leben verdienen kannst
Der Beruf Türsteher, Bodybilder, Strassenarbeiter, Werber, Tätowierer Rocker, Sozialarbeiter, Umweltschützer,  

Schlagzeuger

Serviceangestellter im Szenelokal, Grafiker, Künstler, Modeverkäufer, Model, Clubbesitzer Politiker, Büroangestellter, Versicherungs-kaufmann, SF1 Moderator
Das Geheimnis Crèmt sich die Kopfhaut mit Babyöl ein Benutzt Weichspüler um die Knoten leichter auszukämmen Rollt sich über Nacht einen Lockenwickler in die Fransen, damit die Welle morgens steht Hätte gerne blonde Strähnen im Haar

today I’m talking about fashion feminisation
28 of September

Coco Chanel borgte sich als junge Frau Hosenanzüge und Hemdkragen bei ihren Geliebten und besuchte darin Pferderennen und Gala-Dinners. Dass wir Frauen Kleidung aus der männlichen Garderobe für die eigene adaptieren, ist also nix Neues. Neuer aber ist die Erscheinung, dass sich Männer die Kleider aus dem Schrank ihrer Frauen nehmen. Ich sehe dutzende Kerle in T-Shirts mit V-Ausschnitt, deren „V“ nicht etwa auf Höhe des Schlüsselbeins zusammentrifft, sondern ihre Männerbrust, inklusive Haare und sichtbaren Trainingseinheiten, hervorblitzen lassen. Bis anhin gehörte das Decoltée den Frauen, offensichtlich ändert sich das. Zudem ist heute von hinten kaum mehr zu erkennen, ob Mann oder Frau vor mir steht, denn die Männer tragen nicht nur tief ausgeschnittene T-Shirts, sondern auch lange Haare, die sie gelegentlich zu einem Dutt zusammenbinden oder enge Röhrenjeans mit weiten Jacken darüber – genau wie wir Frauen. Auch auf dem Pariser Laufsteg ist die Verweiblichung der Männergarderobe zu beobachten. Jean Paul Gaultier hat diesen Herbst/Winter seine männlichen Models in Röcke und Netzstrumpfhosen gesteckt und den langhaarigen unter ihnen Wellen verpasst. Ob es nun gefällt oder nicht, eines ist sicher: Das ist nur gerecht! Wenn wir den Männern die Mode klauen, weshalb dann nicht auch umgekehrt?



White Shirt
22 of September

Kennt jemand von euch Johanna? Sie hat ungefähr dasselbe Alter wie ich, einen mysteriösen Blick und unvergängliche, jugendliche Schönheit. Der Künstler Franz Gertsch erschuf sie. Ihr Zuhause befindet sich in Frankfurt am Main, Johanna blickt dort von der etwas mehr als drei Meter langen und hohen Leinwand in die Betrachtermasse des Museums für Moderne Kunst. Trotzdem hatte ich die Ehre sie einmal zum Kaffee zu treffen, nur Johanna und ich. Ein Tête-à-tête in den Katakomben des Franz Gertsch Museums, wo Johanna zwischengelagert wurde. Seit dieser Begegnung lässt sie mich nicht mehr los und das nicht nur, weil sie so unglaublich schön ist. Durch ihre Betrachtung ist mir eines klar geworden – neben dem 80er Jahre Chic mit schimmerndem, perlmutfarbenem Lippenstift trägt sie nur etwas: ein weisses T-Shirt. Es ist ganz einfach und darin so perfekt. Es lenkt von nichts in ihrem Gesicht ab, es ist wie eine weisse Leinwand, unbeschrieben, ungestaltet, frei von jeglichen Zeichen, die gedeutet werden können. Und so ist es auch, wenn wir ein simples, weisses T-Shirt tragen, nichts verweist stärker auf unsere Persönlichkeit. Nichts lässt mehr Interpretationsspielraum offen, als ein einfaches weisses Shirt. Und deshalb liebe ich es!


 

Hello!!!
21 of September

Hello, good afternoon, morning, night – wann immer ihr hier zu lesen beginnt, seid willkommen. Seit ich sehen kann, fasziniert mich Schönes. Ich fühle mich davon magisch angezogen, kann meinen Blick davon kaum abwenden, fange an zu starren. Ich starre im Bus, auf der Strasse, am Familienfest, auf der Wanderung, im Ausgang, bei der Arbeit oder beim Shoppen. Es sind die Eigenartigkeiten der Mode, das Verhalten der Mode, die meinen Blick einfangen und natürlich die Menschen, ohne die Mode nicht existieren würde. Von dieser Wunderwelt handelt die Kolumne „the curiosity of fashion“ – einer Wunderwelt die zugleich absurd, anregend, bezaubernd und verzaubernd ist. Ich schreibe über meine Blitzideen, die entstehen, wenn ich Mode beobachte und diejenigen die sie tragen, anstarre. Von magischen Momenten, die mir Schönes bescheren und von den Fragezeichen, die meinen Kopf füllen, wenn ich seltsames betrachte. Ich lade Euch ein mit mir durch mein Fernglas zu blicken und meine Lupe zu benutzen. Kommt mit und entdeckt die Wunderwelt der Mode mit mir.